April 3

Was bedeutet eigentlich Verantwortung?

Danke für den spannenden Beitrag über Verantwortung:
Viele Eltern kennen den Augenblick, wenn die Zeugnisszeit anläuft und ein Brief der Schule im Briefkasten liegt, der sie darauf hinweist, dass ihr Kind scheinbar dieses Jahr das Lernen gehörig hat schleifen lassen. Dann mag sich der eine oder andere schon denken ist das meine Schuld, war ich nicht konsequent genug, hätte ich mehr mit meinem Kind üben müssen, trifft mich hierfür die Verantwortung ? Wenn man überlegt, was „Verantwortung“ heißt, könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, dass es an der nachlässigen Erziehung liegt.

Der Begriff  „Verantwortung“ umfasst nämlich zwei Dinge. Zu einem die Aufsicht einer Person, die gewisse Eigenschaften mit sich bringen muss, für ein Projekt, eine Gruppe oder einen Prozess. Das Überblicken von komplexe Zusammenhängen, die Fähigkeit planen und strukturieren zu können aber auch das Feingefühl, menschliches Verhalten richtig zu zu ordnen und so ein arbeitsfähiges Team zu schaffen sind nur die grundlegendsten Qualifikationen dieser diregierenden Person. Zum anderen gehört im Gegenzug für das Innehaben der Führungsgewalt und der Entscheidungsfreiheit dazu, dass man für alles was geschieht Rede und Antwort stehen können muss, auch nach der Beendung der Aufgabe. Bedenkt man nun, dass die Familie, und in besonderer Weise die Eltern, den Erziehungsauftrag haben, so tragen sie, zumindest solange der Mensch minderjährig ist, die Verantwortung für seine schulische Anstrengung. Oder?

Bei solchen Behauptungen bewegt man sich auf dünnem Eis, das ist völlig offensichtlich. Was ist, wenn selbst häufiges Wiederholen dennoch nur zu mangelhaften Testergebnissen führt oder die Eltern durch den Zwang die Familie versorgen zu müssen lange Arbeiten müssen und so wenig Zeit für die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder haben? Relativ schnell wird also klar, dass die anfänglichen Definition von Verantwortung nicht hinreichend ist. Noch deutlicher wird es an diesen weiteren Beispielen:

1. In Bangladesch brennt eine Kleiderfabrik nieder, zahlreiche Arbeiterinnen fallen dem Feuer zum Opfer, trage ich dafür Verantwortung, weil ich meine Anziehsachen möglichst zum günstigsten Preis erwerben möchte und dort deshalb mit notwendigen Schutzmaßnahmen gespart wird?

2. Es kommt zu einer Schießerei an einer Highschool, die einige Tote nach sich zieht. Haben nun amerikanische Politiker, die die Waffenrechte fortbestehen lassen, Mitschuld an dem Massaker?

3. Ich arbeite für ein Unternehmen, das Wälzlager herstellt, die unteranderem in Deutschlands Exportschlager, dem Leo verbaut werden. Bin ich deshalb schuld an dem fortwährenden Krieg im Nahen Osten und an dem Leid tausender Menschen?

Man kann sich jetzt streiten, ob die gewählten Exempel zu hart sind, aber in diesen Zusammenhängen fällt häufig der Begriff der Verantwortung, interessanter Weise synonymisch mit dem der „Schuld“. Diese nicht völlig korrekte simultane Verwendung führt dann zu dem oft zu beobachtenden Phänomen, dass Menschen Verantwortung gerne auf andere übertragen. Dabei ist es weniger Bequemlichkeit und Arbeitslastscheue als der nachvollziehbare Selbstschutzmechanismus, die unangenehme Rechtfertigung und die Rolle des Sündenbocks bei Problemen und den sich daraus ergebenden Druck vermeiden zu wollen. Nun zurück zu unseren Beispielen und der noch unvollständigen Definition von „Verantwortung“. Bei meinen Überlegungen zu den Problemstellungen kam mir der Gedanke, dass man zwischen einer „aktiven“ und „passiven“ Form der Verantwortung unterscheiden müsste. Die drei Szenarien, die Massenschießerei möchte ich dabei ausschließen, wären dem passiven Auftreten der Verantwortung zu zu ordnen, da man die Resultate seines Verhaltens nicht willentlich bzw. nicht absichtlich hervorrufen will, sondern sie in Kauf nimmt oder nicht direkt etwas gegen sie tun kann, zum Beispiel im Falle der schlechten Noten. Die Schulschießerei als Schuld der Politik möchte ich komplett aus dem Bereich der Verantwortlichkeit eines Kreises oder gar einer Person streichen. Vielleicht ist Ihnen das Buch „13 Reasons Why“ bzw. „Tote Mädchen lügen nicht“ bekannt. Letztlich geht es in der Geschichte darum, dass ein junges Mädchen Suizid begeht und noch vor ihrem Tod einen Karton mit Kassetten verschickt mit 13 Gründen, warum sie sich umgebracht hat. Diese Schachtel erhalten die Personen, die durch ihr Handeln oder auch ihr Nicht-Handeln ihr das Leben soweit erschwert hatten, dass sie es beenden wollte und dann auch tat. Die Frage die diese Erzählung damit in den Raum stellt ist die, ob es verteidigbar ist, dass die junge Frau mit dem Finger auf andere Personen zeigen kann und ihnen die Schuld, und damit das schlechte Gewissen zuschieben und behaupten kann: „Du, du und du, ihr seid Schuld an meinem Selbstmord, fühlt euch verantwortlich!“. Ich gehe schwer davon aus, dass die Meisten diese Verantwortungszuweisung für absurd halten, schlussendlich war es doch ihr Entschluss so zu reagieren (außerdem hatte sie vielleicht noch zusätzlich familiale Probleme oder sie ist von ihrem Wesen her sowieso schon eine sensible Person). Meiner Meinung nach lässt sich die Überlegung auch auf Attentäter wie den vom 14. Februar übertragen, nur das in dem Fall von der Öffentlichkeit oft ein Ventil für ihre Trauer gebraucht wird und so ein Schuldiger her muss, gegen den man die ganzen angestauten Gefühle entladen kann. Dabei entsteht ein regelrechtes „Feindesbild“ häufig von Politikern, obwohl der Auslöser für den Übergriff des Jugendlichen sicherlich multikausal ist, wie in dem Beispiel mit dem Buch.

Also so viel zu diesem kleinen Exkurs. Zu der aktiven oder auch direkten Seite zähle ich die eher gängigen Kontexte in denen der Begriff „Verantwortung“ seine Nutzung findet, etwa in Unternehmen, Arbeitsgruppen, etc., wo der Gruppenleiter von vornherein festgelegt wird und direkt die Weisung der Gruppe übernimmt. Er hat eine festgelegte Aufgabe, die so zu erfüllen ist, dass das Projekt Erfolg erzielt. Es geht um eine willentliche Steuerung eines Vorhabens, das einem bestimmten Ziel entgegen geht.

Wenn die Frage aufkommt, sei es beispielsweise bei einem Vorstellungsgespräch oder einer Bewerbung, wo und wie man schon einmal Verantwortung übernommen hat, so ist die aktive Form der Verantwortung gemeint. Für mich wäre die seichte Antwort darauf dann, dass zwei Jahre Klassenbuchführer war und bei Gruppenarbeiten in den meisten Situationen die Leitung zu übernehme, denn ich bin (nach meinem Empfinden, und ich neige nicht zu Selbstlob) diplomatisch, zeige ranghöheren Personen den nötigen Respekt, kann Kritik ohne äußerlichen Fassungsverlust hervorragend wegstecken (das Leben ist nun mal ein einziges Schauspiel) und kann Gruppenarbeiten, egal wie löchrig und unvollständig sie sind, dem Betreuer so gut verkaufen, dass er klaglos damit zufrieden ist. Häufig kommt mir auch so die Führungsaufgabe zu, da ich einiges an Mühe in meine Verpflichtung stecke und in das Projekt im Ganzen, was an meiner ausgeprägten perfektionistischen Neigung liegt. An dieser Stelle würde meine Antwort bei einem oberflächlichen Vorstellungsgespräch enden, doch meine größten Verantwortungsbereich liegen anderswo: bei meiner Familie, bei mir selbst und vor meinem Gott.

Ich bin verpflichtet dazu, meinen Eltern und meinem Bruder in schweren Zeiten, Trauer, Arbeitslosigkeit und Alter helfend bei Seite zu stehen, dafür, dass ich in einer schönen familiären Atmosphäre aufwachsen durfte und darf. Ich trage Verantwortung vor mir selbst. Meine Fehler, Ignoranz und falschen Taten sind mein allein und ich bin so aufrichtig, als dass ich sie nicht auf andere schiebe, zumindest in meinem Inneren (man kennt es ja innerhalb der Klassengemeinschaft, wo man entsprechend mitreden muss, und dann war an den 7 Punkten in Mathe halt einzig und allein der Lehrer schuld und an den 10 Punkten in Chemie die Lehrerin und nicht die Tatsache, dass ich erst am Abend davor gelernt hatte), und entsprechend dafür einstehe. Daraus ergibt sich für mich auch die Verantwortung vor Gott, der letzten richtenden Instanz, wo ich dann für Alles gerade stehen muss, was ich im Leben begangen habe. Diese letzten drei Punkte sind vorallem für das alltägliche Miteinander grundlegend, weshalb ich sie hier noch anführen wollte, denn ohne ein Gefühl der Verantwortung für die genannten Dinge wäre ein wirklich ethnisches und moralisches Leben nicht denkbar.


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Veröffentlicht3. April 2018 von admin in Kategorie "Verantwortung

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