April 19

Ein Beitrag zur aktuellen „Flüchtlingsproblematik“

Flüchtlinge, ein Thema über das heute nicht gerne offen gesprochen wird. Verständlich, denn man muss fast schon politisch werden, was immer unsicheres Terrain ist, besonders in einer Zeit, in der es regelrechte Fronten zwischen Liberalen und Konservativen (vor allem bei der Flüchtlingsproblematik) gibt. Über politische Sachverhalte zu reden ist jedoch am schwersten, wenn man noch kein Erwachsener ist. Egal welcher Einstellung man ist oder welche Dinge man unterstützt, es fällt letztlich auf die Eltern zurück oder zumindest auf das Umfeld des jungen Menschen, welches ihn prägen. Natürlich wirken die Eltern auf einen ein, aber in Zeiten, wo ich durch das Internet Zugriff auf so viele Informationen und Nachrichten habe, da mache ich mir doch durchaus mein eigenes Bild von der Welt, anstatt nur zu wiederholen, was Mami und Papi sagen. Das nur kurz vorab.

Zunächst möchte ich über die heute am meisten mit Flüchtlingen assoziierte Thematik sprechen. Dazu fällt mir einleitend eine recht lustige Situation ein, in die ich und meine Familie geraten waren, als wir letztes Jahr nach Kanada flogen. Ich hoffe, sie wissen mehr über das Land, als dass es dort Elche gibt und es sehr kalt werden kann (täuschen sie sich aber nicht, wir haben dort Badeurlaub im Sommer gemacht!). Kanada ist das Beispiel schlecht hin (vergessen sie Amerika und ihren zaun-bauenden Präsidenten mit der Eichhörnchenfrisur) wenn es um Multikulturalität geht. Eine kanadische Kunststudentin führte ein Projekt, bei dem sie Personen aller möglichen Herkunften in dem Land suchte. Dort gibt es tatsächlich Menschen jeden Landes auf der Erde, beeindruckend, oder? Wir stehen auf jeden Fall bei der Passkontrolle, mein Vater zeigt der Beamtin seinen deutschen Pass und erklärt, dass wir aus Deutschland kommen. Da sieht sie uns mitleidig an und sagt (ernsthaft), dass wir in Kanada immer ein Zuhause hätten, wenn die Flüchtlinge in Deutschland uns zu Viele werden. Ich weiß nicht, was die kanadischen Medien für Horrorgeschichten über Deutschland und Flüchtlinge gesendet hatte, aber sie schienen so schlimm, dass diese Frau meinte, dass ihr multikulti Heimatland für diesen Fall sicherlich die erste und beste Anlaufstelle wäre. Interessant… Aber nun zum Hauptpunkt: Die „Flüchtlingsproblematik“ oder auch „Flüchtlingskrise“ ist in aller Munde und wie der Name bereits andeutet, scheiden sich die Geister an ihr. Erinnern sie sich noch an ihre Anfänge (Deutschland noch vor den Wahlen)? Da galt jemand, selbst am urbayrischten Stammtisch, als Rechtsgesinnter, wenn er auch nur ein Wörtchen der Befürchtung oder Bedenken hinsichtlich der Menge an nah-östlichen, nach-Deutschland-bevorzugt-fliehenden Menschen (der Begriff des „Flüchtlings“ ist zu allgemein für diesen Kontext) äußerte. Was war es dann für ein Schock, dass nach den Bundestagswahlen 2017 in manchen Bundesländern über ein Viertel der Wähler die „Alternative für Deutschland“ gewählt hatte! Ich erinnere mich noch daran, wie die Deutschlehrerin, die beim Stimmzettelauszählen geholfen hatte, entrüstet war, wie viele von den „netten Menschen und sogar Eltern mit Kindern“ die AfD gewählt hatten. Belustigend, aber eigentlich traurig (zumal sie ihre politische Meinung, vorallem als Lehrerin mit Vorbildfunktion, für sich behalten sollte). Die AfD steht ja unter anderem, in ihrem Wahlprogramm durchaus nachzulesen, für die Regulation und Eindämmung der unkontrollierten Einwanderungsströme. Das war damals (also 2017) mit einer der Gründe, warum man anfing der Partei nachzusagen, sie bestehe aus rassistischen Rechtsextremen. Heute sind sich die Parteien eigentlich einig, dass man den Flüchtlingsströmen Einhalt gebieten und die Menschen langsam wieder in ihre Heimat bringen muss. Schade, dass es erst zu tödlichen Übergriffen einiger dieser nah-östlichen Einwanderer kommen musste, bevor es bei den anderen Parteien diesen Sinneswandel gab.

Den Ausdruck „Flüchtling“ hatte ich einmal bereits umschrieben, um die Natur der Mehrheit der Einwandernden zu verdeutlichen. Per se ist die Bezeichnung nämlich zu unklar, um die, mit der steigenden Zahl der nach Deutschland kommenden Menschen, wachsende Sorge der Mehrheit der Einwohner Deutschlands erklären zu können. Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied, mit welchem Motiv ein Mensch seine Heimat verlässt, welches Land (aufgrund welcher der dortigen Vorzüge) er auf seiner Flucht anpeilt und woher er kommt. Gehen wir doch einmal in der europäischen Geschichte etwas zurück bis an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Haben sie jemals eine Bevölkerungsstatistik der Nachkriegsjahre gesehen? Es gab riesige Flüchtlingswellen aus ehemalig deutschen Gebieten (Sudetenland, Schlesien, Ostpreußen) und aus der DDR sowie zusätzlich noch Wellen von Arbeitsmigranten in die BRD. Die Zahl der Menschen, die in diesen Jahren kamen, bewegte sich um die 13 Mio., was wahrscheinlich die achtfache Menge der heute nach Deutschland Flüchtenden ist. Und weil man immer so schön von „Wirtschaftsflüchtlingen“ spricht, denken sie an die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs oder der Berliner Mauer. Damals war der Aufschrei der Bevölkerung sicherlich nicht so groß wie er jetzt ist, obwohl es sich um weit mehr Personen handelte. Also warum haben wir heute so ein großes Problem damit? Die Antwort kann ich ihnen nicht geben, aber ich kann vermuten, vor allem wenn ich an Aussagen von Politikern denke. „Der Islam gehört in keiner Form zu Deutschland“. Es macht sichtbar einen Unterschied, ob der Flüchtling Europäer ist oder aus dem Nahen Osten kommt, sind die Kultur, die mehrheitliche Glaubensrichtung oder das Aussehen (leider Gottes ja, und versuchen sie mir nicht zu sagen, dass sie ihren Geldbeutel nicht fester umgreifen, wenn sie in Prag durch eine Menge von Zigeunern laufen) zu verschieden, lehnt man diese Menschen eher ab, und da kann man noch so viel von wegen multikulturellen Begegnungen reden.

Aber nicht vorschnell verstehen! Menschlich gesehen sind diese Flüchtlinge, die nach Deutschland und die EU kommen, zu bemitleiden, das weiß ich aus meiner eigenen Familie, und das kann niemand bestreiten. Meine Großeltern sind aus der kommunistischen Tschechei geflohen als mein Vater gerade 3 Jahre alt war. Sie konnten kein bisschen Deutsch und mussten praktisch alles Habe zurück lassen, um mit dem Vorwand, in Deutschland Urlaub machen zu wollen, ausreisen zu können. Hier wurde das Leben aber nicht gleich einfacher. Die einzige Sprache, die sie sprechen konnten war Tschechisch, meinem Großvater wurde sein Meisterbrief nicht anerkannt und in der Tschechei lief ein Strafverfahren gegen sie als Republikflüchtlinge. Obwohl sie schon länger in Deutschland leben, als in ihrer ursprünglichen Heimat, sehen sie sich als Tschechen. Trotzdem zogen sie nie zurück, wirtschaftlich ging es ihnen hier besser. Für uns hier ist es doch unvorstellbar, dass man in solcher Angst in seinem Land lebt und keine Zukunftsperspektiven mehr sieht, dass man sich lieber auf eine unsichere Flucht in die Fremde begibt, auch auf die Gefahr hin, dabei umzukommen. Man sieht nur noch den Menschen, der hier ankommt und scheinbar auf unsere Kosten lebt, ohne einer Arbeit nach zu gehen oder zu versuchen sich zu integrieren. Aber selbst der Unwille, sich an die Kultur anpassen zu wollen, ist aus meiner Sicht nachvollziehbar. Der Mensch hat nunmal eine Heimat, seine alten Traditionen und Gepflogenheiten, die er nicht bereit ist abzulegen. Meine Mutter ist Kanadierin und hat einen derartigen Nationalstolz (Nordamerikaner halt…), dass sie nie richtig Deutsch lernen wollte. Nach 17 Jahren in Deutschland strebt sie jetzt das Goethe-Sprachzertifikat B2 (mittel bis mittelschwer) an und ich muss sagen, dass ich keine großen Hoffnungen habe, wenn sie nicht anfängt sich reinzuhängen. 17 Jahre! Und jetzt erwarten die Deutschen von den Flüchtlingen, dass sie schnellst möglich unsere Sprache lernen und sich an unsere Kultur anpassen?! Viel Glück damit!

Bei all dem zynischen Gerede und den Anschuldigungen, persönlich verkehrt habe ich mit Flüchtlingen nicht (abgesehen von meinen Großeltern, die ja einmal Flüchtlinge waren), und damit bin ich bestimmt kein Einzelfall. Eigentlich müsste man sich erst selbst ein Bild von „echten“ Flüchtlingen in den Asylheimen machen und sich nicht auf das, von den Medien angebotene Material stützen, ansonsten wiederholt man nur, was ein Anderer gesagt hat. Vor allem, wenn Leute der festen Überzeugung sind, dass alle Flüchtlinge abgeschoben werden müssten, finde ich es schwer zu beurteilen, ob sie tatsächlich schlechte Erfahrungen hatten und triftige Gründe vorweisen können. Trotzdem, ob jemand recht oder weniger recht hat mit seiner Idee, was den weiteren Prozess mit den Flüchtlingsmassen angeht, ist bei solchen Fragen irrelevant, obwohl man die Situation trotzdem nicht so belassen kann, wie sie ist, um der Flüchtlingen und der Deutschen Willen. Bei der Flüchtlingsthematik geht es darum, beweisen zu können, das man auch andere Einstellungen akzeptieren und von ihrem Wesen und den Beweggründen her nachvollziehen kann, sonst folgt man nur den schlechten Vorbildern der Erwachsenen. Was bringt es mir denn, darauf zu beharren, dass die Flüchtlinge schnellst möglich zurück in ihre Heimatländer geschickt werden sollen, um das Sozialsystem zu entlasten und um geringqualifizierten Deutschen (eigentlich hasse ich political correctness) ihre Arbeitsplätze zu erhalten, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber den Flüchtlingen in ihrer kompilizierten Situation helfen und vor der Verfolgung in ihrem Land bewahren will? Natürlich habe ich auch meine eigene Meinung dazu, die konservativ gegen unkontrolliertes Massenasyl und -bleiberecht ist, aber ich habe doch genug Grips, dass ich andere mit meiner Sichtweise nicht versuche zu „berichtigen“ und Verständnis zeige, zumal auch ihre Argumente genauso nachvollziehbar sind. Mit einem Absolutheitsanspruch für meine Meinung kann ich mir doch abschminken, mit anderen vernünftig zu reden, und leider vergessen das viele. Trotzdem bin ich manchmal etwas schwer zurück zu halten, wenn man mich wegen meiner Einstellung verurteilt, und da rede ich mich dann schon einmal um Kopf und Kragen um meine Gründe hervorzuheben und da beute ich definitiv die löchrige Argumentation des anderen (verbal) aus und stelle ihn bewusst bloß. Daran arbeite ich aber, zumal meine Eltern mir häufig vorwerfen, dass ich meine sprachliche Überlegenheit an meiner Mutter und anderen schwächeren (im geistigen Sinne) Personen ausspiele.

Schade bleibt, dass die Wenigsten jemals die Möglichkeit erhalten werden, sich intensiver mit den Flüchtlingen zum Beispiel in den Unterkünften zu beschäftigen. Zu meinem Glück plant das P-Seminar, in dem ich bin, in diesem Zusammenhang etwas, wodurch wir in engeren Kontakt mit den Asylanten treten können um ihnen zu helfen und ihre Lebensumstände zu sehen. Wir starten gegen Sommer diesen Jahres eine Give-Box Aktion für die Kinder in einem solchen Heim in Zirndorf, denen wir mit Sachspenden in Form von Spielzeug beispielsweise über ihren tristen Alltag dort helfen wollen. Ich finde die Idee gut, aber muss zugeben, dass ich nicht zu hundert Prozent dahinterstehe. Die Aktion ist sozial absolut nachhaltig (getreu dem Motto unseres Seminars als Weltretter) und ich freue mich auch darauf den Kindern dort helfen zu können, allerdings habe ich Bedenken hinsichtlich der Beteiligung an den Spenden, denn die meisten Deutschen haben negative Assoziationen mit Flüchtlingen. Das merkte ich auch durchaus im Freundeskreis meiner Eltern und in unserer Nachbarschaft, als ich davon erzählte, selbst als ich klarstellte, dass wir explizit die Kinder dort unterstützen wollen kamen Kommentare wie „hättest du dich nicht weigern können“ und ähnliche. Ich hoffe trotzdem auf den Erfolg des Projekts, vielleicht kann man so auch manchen eingefleischten Flüchtlingsgegnern die Augen öffnen und sie zu mehr Hilfsbereitschaft bewegen.

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Vielen Dank für diesen kritischen, ausführlichen Beitrag!


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Veröffentlicht19. April 2018 von admin in Kategorie "Flüchtlinge

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